Ich war die fünfte Enttäuschung
Die Geschichte einer Frau in Palästina
von Sahar Kalifa

Wie wir alle wissen, gelten Frauen in der arabischen Kultur wie in vielen anderen Kulturen auch als das schwache Geschlecht, das andere Geschlecht, das ungleiche Geschlecht; das Geschlecht, das weder erbt noch den Namen der Familie weitergibt, das Geschlecht, das sowohl Kinder gebären als auch entsetzliche Schande über die Familie bringen kann.

Ich wurde von der Familie, in die ich hineingeboren wurde, mit einer Enttäuschung empfangen, die so groß war, dass alle in Schluchzen und Wehklagen ausbrachen. Sie hatten auf einen Knaben gehofft, aber zu ihrem Leidwesen war ich das fünfte Mädchen in Folge und daher die fünfte Enttäuschung oder, so empfand es meine Mutter, ihre fünfte Niederlage. Im Vergleich mit der Frau meines Onkels, die erfolgreich zehn kostbare Knaben zur Welt gebracht hatte, war meine Mutter eine Versagerin, eine Frau, der der göttliche Segen fehlte. Meine Mutter war schöner und intelligenter als meine Tante und alle anderen Frauen der Familie, dennoch galt sie bei allen als am wenigsten produktiv: Ihre Früchte hatten keinen Wert.

Dass Sahar Khalifa als einziges Mitglied ihrer Familie in der palästinensischen Nationalenzyklopädie steht und keiner ihrer 10 wertvollen Cousins und wie westlich koloniale Interessen die Weiterentwicklung der Gesellschaft und damit auch der Frauenrechte verhindern, können Sie weiterlesen bei: https://monde-diplomatique.de/artikel/!5228243

Wer Frauenrechte erkämpfen will - geschenkkt werden sie nicht - muss die Machtstrukturen zerschlagen. In Deutschland, in Palästina, überall ! 

Wir zitierten aus:
Mit Dank an den Verlag für die erteilte Genehmigung.

Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe vom September 2015, ”Ich war die fünfte Enttäuschung - Die Geschichte einer Frau in Palästina", Sahar Kalifa übersetzt von Robin Cackett